"Du musst nur langsam genug gehen,
um immer in der Sonne zu bleiben."
(Antoine de Saint-Exupéry)
Eine Seite über Attachment Parenting und respektvolle Erziehung

"Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." (afrikanisches Sprichwort)

Die neue und die alte Welt

Mit der Geburt des eigenen Kindes wird das Universum in ein neues Licht gerückt. Das Wort "Sorge" bekommt eine neue Dimension, hinterdrein folgen Begriffe wie "Verantwortung", oder "Liebe" - selbst so profane Wörter wie "Urlaub" oder "Nacht" werden neu konnotiert. Wie schön! Wie beängstigend!

Die Welt des Babys ist so alt wie die Menschheit. In ihr wohnt man in der Steppe, ist umgeben von Feinden, die einen essen wollen, und einem Rudel, das auf einen aufpasst. In ihr ist Bewegung Leben, denn wer nicht weglaufen kann, wird gefressen und wer nicht hinlaufen kann, kann nicht essen. Dass Mama und Papa in einer anderen Welt leben, weiß das Baby nicht. Es weiß nicht, dass Mama und Papa in einem schmucken Steinbauwerk mit beblümtem Steppenersatz davor und einer Nebenhöhle für ein blechernes Fortbewegungsmittel wohnen.

Der Ruf der Wildnis

Wenn euer Baby schreit, dann stimmt etwas nicht. Das Menschenbaby hat das unglaubliche Pech, kein Nesthocker zu sein, leider aber mehrere Monate, bevor es auf zwei Beinen stehen und damit sich selbst bewegen kann, aus Mamas Bauch geworfen zu werden, weil es sonst mit seinem dicken Schädel nicht mehr hindurchpasst. Deshalb hat es auch nur ein einziges Bedürfnis: MAMA/PAPA! Und das Weinen eines Babys heißt daher immer: KOMM! (Es heißt immer "KOMM" auch gegen den Rat einiger grässlicher Ratgeber, die empfehlen, dass man NICHT kommt - oder nur in bestimmten Zeitabständen)

Der Generationskonflikt

Hört nicht auf die Ratschläge eurer Eltern ("Schreien kräftigt die Lungen!")! Die haben euch wahrscheinlich schreien lassen, weil das seit Johanna Haarer einfach angesagt war.
In den 70ern waren Fläschchennahrung und Distanz zum Baby "in". Damit zeigte man, dass man eine emanzipierte Frau war. Eure Eltern können euer Tun kaum akzeptieren, denn das würde bedeuten, dass sie selbst falsch gehandelt hätten. Wenige Eltern haben die Größe, das zuzugeben.

Euer Baby ist KEIN selbstgefälliger Tyrann, der durch gespieltes Weinen seinen Dickkopf durchsetzen will. Es hat ein Bedürfnis (Hunger, Durst, Nähe ...), das sofort befriedigt werden muss. Der Ruf der Wildnis duldet keinen Aufschub: Eure Bedürfnisse können warten - ihr seid erwachsen, ihr könnt zurückstecken. Ihr kennt "später", euer Baby nur "sofort". Ein Aufschieben der Bedürfnisbefriedigung zerstört nicht nur die Bindung zwischen Euch und dem Baby nachhaltig, sondern der Stress hemmt auch die Gehirnentwicklung.

Es soll aber lernen auch mal zu warten? Fein - erst muss es aber 1. checken, dass es getrennt von der Mutter existiert (Individuation und Auflösung der Mutter-Kind-Dyade - frühestens ab 6 Monaten), 2. verstehen, dass die Mutter existiert, auch wenn sie nicht anwesend ist (Objektpermanenz - mit ca. 8/9 Monaten), 3. sich selbst als Person erkennen (Spiegeltest - ca. 18-24 Monate), 4. ein Zeitempfinden entwickeln, dass ein "später" zulässt (Vorstellung von Zeit entwickelt sich im 3. Lebensjahr). Es eilt also nicht mit dem "Warten" lernen.

Süßer sprechen

Versucht einen Trick! Ersetzt "Baby" durch "mein alter Vater im Rollstuhl" und schaut, wie sich eure Sichtweise ändert. Oder setzt das Adjektiv "hilflos" vor "Baby": "Mein BABY hat die ganze Zeit geweint, aber damit kommt mein BABY nicht durch! Denkt mein BABY, dass ich springe, nur weil er weint? Ach, der hat nix, der will nur Unterhaltung" Tut weh? Na bitte!
Es ist auch ziemlich symptomatisch für unser Verhältnis zu Säuglingen, dass sie "schreien"! In Wirklichkeit WEINEN sie! Sagt doch bitte einfach WEINEN!

Zwei magische Gegenstände

Das klingt nicht mehr so "süß" und "stressfrei"? Keine Panik! Die Natur hat die Mama mit zwei "Magic-Items" ausgerüstet:
Zum einen mit der Brust, mit der sie sofort jederzeit dem Kind einschläfernde, Allergie verhinderne, Immunsystem stärkende Supernahrung zuführen kann und gleichzeitig das Saug- und Nähebedürfnis stillt. Zum anderen mit einem kuscheligen Fell, an dem sich das Neugeborene festhalten kann, während Mama im Vorgarten Maulwürfe erlegt. (Nein? Habt ihr nicht? Nun, dann müsst ihr wohl euer Kind festbinden - das geht am Einfachsten mit handelsüblichen Babytragetüchern.)

Wenn euer BABY also weint, was dann?

  • Nimm es in den Arm! Manche Eltern ängstigt es, zu einem kleinen, weinenden, krebsroten Bündel Nähe aufzunehmen. Doch genau das ist es, was das BABY jetzt braucht, um sich zu vergewissern, dass es nicht mutterseelenallein in der Steppe zurückgeblieben ist und auf den Säbelzahntiger wartet.
  • Lass es Pipi machen! Viele Säuglinge wollen nicht ihre Umgebung beschmutzen, denn das lockt den Säbelzahntiger an. Wechsel die Windel oder halte dein Kind ab, wenn ihr "windelfrei" macht.
  • Mach es nackig! Lass die Strampler und Hosen einfach weg. Die zwacken oft am Bauch oder spannen an den Füßchen. Gegen kalte Beine helfen Babylegs.
  • Still es! Das gibt Nähe und macht satt und mollig warm.
  • Trag es! Das gibt Nähe und macht warm und versichert, dass Mama und Papa da sind.
  • Puck es! Ganz kleine Kinder werden auch gerne gepuckt, das gibt ihnen ein Gefühl der Begrenzung. Auch wacht das Kind nicht mehr so oft durch den Mororeflex auf.

  • Links:
    Das schönste GeschenkEin zugegebenermaßen kitschiger Text zum Thema "Attachment Parenting"
    Bindung macht schlauWarum Kinder, die schreien gelassen werden, doof werden!
    Das emotionale BewusstseinDr. Posth in einer Zusammenfassung